Taufpredigt "... durch das Wasser hindurch"
Biblische Referenz 2. Mose 14
Hier gibt es diese Predigt zum Download im Word-Format:
Taufpredigt '... durch das Wasser hindurch' Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, seinem Sohn, unserem Herrn! Amen.
Wir befinden uns an einem historischen Ort. Hier wurde vor fast 525 Jahren ein kleiner Junge auf den Namen Martin getauft. Dieser kleine Junge ist erwachsen geworden und hat die Welt verändert und die Art und Weise, wie wir unseren Glauben leben. Sie wissen alle, von wem ich rede: Martin Luther.
Als Luther hier getauft wurde, hatte diese Kirche einen besonderen Titel, die quasi eine Ortsbezeichnung war. Vielleicht kann man das mit dem Titel vergleichen, den manche Eisleber heutzutage der St. Andreaskirche geben: Marktkirche. Das ist auch ein Titel, eine Ortsbezeichung, die mit dem eigentlichen Namen der Kirche am Markt nichts zu tun hat. Aber zurück zu St. Petri-Pauli. In alten Akten aus dem Jahre 1437, die Grundsteuern und Besitztümer in Eisleben auflisten, kommt ein lateinischer Name für diese Kirche vor: “St.Petri trans aquam”.
“St. Petri trans aquam”: wie kann man das übersetzen?
* “St. Petri” ist klar, diese Kirche war und ist u.a. nach dem Apostel Petrus benannt, dem Jünger Jesu, der voller Zweifel war und doch zum ersten Führer der jungen Christengemeinde wurde, als Jesus Christus gestorben war.
* Den letzten Begriff, “aquam”, verstehen wir auch. “Aqua” bedeutet “Wasser” und bezieht sich auf die heutige Böse Sieben und vielleicht auch auf ein zweites Gewässer, den Mühlgraben, der parallel zu ihr floss.
* Bleibt noch der Begriff, der in der Mitte des Namens “St. Petri trans aquam” steht: die lateinische Präposition “trans”. Um die Übersetzung dieses Begriffes und um die Verbindungslinien des alten Kirchennamens zur Taufe soll es in der heutigen Predigt gehen.
Für die Übersetzung der lateinischen Präposition “trans” im Namen “St. Petri trans aquam” gibt es zwei Möglichkeiten, “trans” heißt entweder “über etwas hinweg” oder “durch etwas hindurch”.
* Die erste Möglichkeit kommt im Wort “Transfer” “Übertragung” vor, oder in “Transit” “Übergang” oder in “Transplantation” “eine Übertragung von Gewebe auf einen anderen Körper”.
Nach der ersten Übersetzungsvariante hätte diese Kirche also früher den Titel “St. Petri über dem Wasser” haben können. Diese Variante wurde auch von Cyriakus Spangenberg gewählt, der im 16. Jahrhundert eine Chronik über das Mansfelder Land verfasst hatte und unsere Kirche “St. Petri obir dem Wasser” nannte.
Die Idee bei dieser ersten Übersetzungsmöglichkeit ist, dass man von der mittelalterlichen Stadt Eisleben aus erst das Wasser überqueren musste, um in die Petrikirche vor den Stadttoren zu kommen. Vielleicht hatte man bei dieser Bezeichung auch im Hinterkopf, dass die Kirche bei Überschwemmungen aus dem Überschwemmungswasser herausragte. Und so war “St.Petri trans aquam” vielleicht gleichzeitig eine Ortsbezeichung für die Kirche und ein Hoffnungszeichen dafür, dass ihre festen Mauern immer über dem Wasser stehen würden.
* Die zweite Möglichkeit der Übersetzung ist die häufigere. “Trans” heißt hauptsächlich “durch etwas hindurch”. Diese Bedeutung kommt im Wort “Transsibirische Eisenbahn” vor, mit ihr fährt man nämlich durch Sibirien hindurch. Oder im Wort “transatlantisch”, mit dem die Länder jenseits des Atlantiks bezeichnet werden.
“St. Petri trans aquam” würde also “St. Petri jenseits des Wassers” oder “St. Petri durch das Wasser hindurch” bedeuten und darauf hinweisen, dass die Kirche jenseits des Flüsschens gestanden hat. Man musste erst durch die Böse Sieben hindurch um zu ihr zu kommen. Vielleicht musste man sich dabei sogar die Füße nass machen, denn möglicherweise war das Petriviertel im Mittelalter noch nicht durch eine Brücke mit Eisleben verbunden. Oder eben mit einer Brücke, die bei Wasserhochstand nicht im Trockenen endete. Manche mittelalterlichen Brücken waren ja noch nicht lang genug, um den betreffenden Fluss auch bei Hochwasser wirklich zu überspannen.
“St. Petri trans aquam”, “St. Petri über dem Wasser” oder “St. Petri durch das Wasser hindurch”. Was hat das nun mit Taufe zu tun?
Wenn Ihr heute Eure Kinder zum Taufstein bringt, werden sie beim Taufakt “trans aquam”, über dem Wasser, im Taufstein sein. Tabea wird von einem Erwachsenen ganz über dem Wasser gehalten werden. Und Ludwig wird seinen Kopf über das Wasser recken. Wenn ein Täufling in dieser Position ist, über dem Wasser, dann befindet er sich in guter biblischer Gesellschaft:
* Am Anfang der Geschichte von Gott im AT, bei der Schöpfungsgeschichte, schwebte der Geist Gottes über dem Wasser. Das war ein Zeichen dafür, dass Gott die gefährlichen Wasserfluten beherrschte. Er konnte aus ihnen Leben entstehen lassen: Fische und andere Lebewesen, Erde und Vegetation.
* Als die Flut zu Ende war und Noah nach einem Hoffnungszeichen Ausschau hielt, flog eine Taube über das Wasser zu ihm hin. Sie hielt einen Őlzweig im Schnabel und Noah wusste: Irgendwo ist trockenes Land. Das Leben wird wieder möglich sein.
“Über dem Taufwasser sein”, wie Tabea und Ludwig in wenigen Minuten, das heißt in Gottes Hand sein, wie bei der Schöpfung. Das heißt, Hoffnung wieder bekommen, wie Noah. Und wenn Tabea und Ludwig jetzt gleich über dem Wasser sind und sich ihre Augen im Taufwasser spiegeln, dann bekommen sie ein Versprechen von Gott, dass Gott sie nie verlassen wird. Und sie stellen sich in die Reihe derer, die dasselbe Versprechen von Gott bekommen haben. Dadurch bekommen Tabea und Ludwig, und wir alle, die wir getauft sind, eine neue Familie. Einen Vater, der uns bedingungslos liebt, stärker als der beste Vater und die beste Mutter, und Geschwister im Glauben, die für uns einstehen.
Taufe hat aber auch etwas mit der anderen Bedeutung von “trans aquam” zu tun. “Durch das Wasser hindurch”. Wenn sich in alten Zeiten im Orient jemand schuldig gemacht hatte, aber kein gerechtes Urteil gesprochen werden konnte, ließ man das Wasser entscheiden. Der oder die Schuldige wurde in reißendes Wasser geworfen und man überließ Gott die Entscheidung. Überlebte der Täter, hatte Gott ihm verziehen und er konnte ein normales und “gereinigtes” Leben führen. Starb er, war er gerichtet. Diese Art von Strafe klingt grausam in unseren Ohren, aber sie beschreibt eine Praxis, mit der man Recht sprach, und die damals von jedermann akzeptiert wurde. Durch das Wasser hindurch zu gehen, hieß, sich dem Urteil Gottes auszuliefern und sich gleichzeitig von aller Schuld zu reinigen.
Auch in der Bibel gibt es eine Geschichte, bei der Menschen durch das Wasser hindurch gehen. Als das Volk Israel von den Ägyptern unterdrückt wurde, flohen sie vor ihnen. Doch plötzlich standen sie vor einem Meer und konnte nicht mehr weiter. Sie wussten, im Wasser würde sich entscheiden, ob sie überleben würden oder nicht. Die Geschichte erzählt weiter, dass Gott das Meer teilte und Israel ohne Verluste durch das Wasser hindurch laufen konnte. Die ägyptischen Soldaten jedoch starben, als sie dasselbe versuchten. Und als das Volk Israel am anderen Ende des Meeres aus dem Wasser kam, war es gereinigt. Aus Sklaven waren freie Menschen geworden, die sich der Liebe und Führung Gottes bewusst waren.
Dieses Verständnis von Sündenvergebung und Reinigung war ein Grund für die mittelalterliche Praxis, Kinder bei der Taufe ganz unterzutauchen. Sündenfrei und rein sollten sie sein, die neu getauften Kinder, und damit gut geschützt für ein Leben in der sündenbehafteten und unreine Welt, dachte man sich damals.
Unsere Vorstellungen, die wir heute mit Taufe verbinden, haben sich etwas verändert. Aber noch heute glauben wir: Nach der Taufe kommt ein neuer Mensch aus dem Wasser. Aus dem Menschenkind wird ein Gotteskind. Ein Kind, dass von Gott geschützt und bewahrt wird. Und dem Gott die Freiheit schenkt, ein Leben lang auf seinem göttlichen Weg zu gehen (oder auch nicht).
Wenn ein Mensch also während der Taufe “über dem Wasser”gehalten wird oder auch steht, geht er oder sie symbolisch gesehen “durch das Wasser hindurch”. Andere Menschen, unsere Eltern oder Paten, halten uns fest, wenn wir “über dem Taufwasser” sind. Vielleicht entscheiden wir uns auch selbst, später im Leben, an einen Taufstein heranzutreten und unseren Kopf “über das Taufwasser” zu halten. Aber nur mit Gottes Hilfe gehen wir “durch das Taufwasser hindurch” und kommen als Kind Gottes neu in die Welt.
Und wenn das passiert, wenn wir “durch das Wasser hindurch” als Gotteskinder neu geboren sind, dann werden wir nicht mehr nur von unseren Eltern und Paten gehalten. Sondern dann werden wir von der festen Hand Gottes aus der Taufe gehoben, die tropfnass ist mit Liebe und Gnade und Vergebung.
Amen.